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"The Rastatt Case" – der PFC-Skandal in Mittelbaden

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Das Gift in uns

Rund um Rastatt liegen per- und polyfluorierte Chemikalien im Boden, sie schwimmen im Grundwasser und längst auch in unserem Blut.

Die Region wird für Generationen damit leben müssen, eine Entfernung des Gifts ist laut Behörden unmöglich. Und der mutmaßliche Verursacher? Gibt sich gelassen.

Die Geschichte des größten Umweltskandals Deutschlands.


Von Patricia Klatt, Markus Pöhlking und Julia Weller

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Was PFC überhaupt sind

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Expertin Patricia Klatt erklärt: Poly- und perfluorierte Chemikalien sind

  • in den 1940er Jahren entwickelt worden
  • schmutz-, wasser- und fettabweisend
  • potenziell gesundheitsschädlich
  • erst vor ein paar Jahren reguliert worden

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In diesen Alltagsgegenständen stecken PFC

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Outdoor-Jacke

Outdoor- und Funktionskleidung enthält wegen ihrer wasserabweisenden Eigenschaften häufig PFC.

Backpapier

In Backpapier sind – wie in vielen anderen Spezialpapieren – manchmal PFC enthalten.

Pappbecher

PFC machen viele Pappbecher für Lebensmittel – etwa Kaffee, Eis oder Muffins – dicht. Sie können beispielsweise auch in Pizzakartons vorkommen.

Antihaftbeschichtete Pfanne

In antihaftbeschichteten Pfannen, Töpfen und anderen Küchenutensilien sind häufig PFC verarbeitet.

Feuerlösch-Schaum

In Feuerlöschmitteln für den Hausgebrauch sind PFC laut Umweltbundesamt nicht nötig – wohl aber, wenn beispielsweise eine Raffinierie brennt.

Imprägnierte Kleidungsstücke

Wer seine Schuhe oder andere Kleidungsstücke mit Imprägniermitteln bearbeitet, verwendet meist PFC.

Kosmetika

PFC können auch in diversen Kosmetika enthalten sein. Im Zweifel bringt nur die Nachfrage beim Hersteller Gewissheit.

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Vollbild
Es gibt mehr als 5000 verschiedene Arten von PFC mit unterschiedlichen Anwendungsgebieten. Diese Einzelverbindungen heißen zum Beispiel PFOA, PFOS, PFPA, PFBA oder PFHxA. 


Von Papierfabriken ...

PFC werden – oder wurden – in vielen Papierfabriken verwendet, um Hochglanzflyer und andere Spezialpapiere herzustellen. In der Region Mittelbaden gibt es zahlreiche Papierfabriken, von denen einige auch PFC verarbeitet haben sollen. 

... über Äcker ...

Bei der Papierherstellung fallen Abfallstoffe an, darunter Holzschliff, kleine Papierfasern und Papierschlämme. Solche Abfälle hat ein Komposthändler aus Bühl den Papierfabriken jahrelang abgenommen und dafür viel Geld kassiert. Die Behörden glauben, dass diese Papierfasern mit PFC belastet waren.

... bis ins Grundwasser

Der Händler rührte sie unter seinen Kompost und verteilte die Mischung kostenlos an Landwirte in der Region. So sollen die Chemikalien auf etliche Äcker gelangt sein. Das bemerkte man aber erst, als sie längst durch den Boden ins Grundwasser gesickert waren – und in den Wasserwerken der Trinkwasserversorger wieder auftauchten.






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Weil der Kompost auf den verschiedensten Ackerflächen in ganz Mittelbaden ausgebracht wurde, sieht eine Karte der nun belasteten Flächen aus wie ein riesiger Flickenteppich. Zum Schutz der Privatssphäre und der Geschäftsfähigkeit der betroffenen Landwirte geben die Behörden keine detaillierten Pläne heraus, auf denen genau zu erkennen ist, welche Flächen mit PFC verunreinigt sind.

Die PFC-Karte der Landesanstalt für Umwelt (LUBW) gibt aber einen groben Überblick über die Ausmaße. Sie stellt alle Flächen dar, die bis Mai 2019 auf PFC beprobt wurden. Es gibt jedoch keine strukturierte Rasteruntersuchung der gesamten betroffenen Region, vielmehr wird anlassbezogen nach den Erkenntnissen der ermittelnden Behörden untersucht. Es ist also nicht auszuschließen, dass belastete Flächen bislang unentdeckt geblieben sind.
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Wo überall PFC gefunden wurde

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An der Grenze der Gemarkungen Baden-Baden und Bühl liegt das Kompostwerk, von wo aus PFC-belastetes Material auf die Äcker gelangt sein soll. In der direkten Nachbarschaft wurden auch viele belastete Flächen gefunden.

Zwischen Schwarzach und Hildmannsfeld hat PFC den Bau eines Radwegs verzögert  – weil 100 Meter der Straßenböschung an einem PFC-belasteten Acker liegen.

Der Erdaushub dieser 100 Meter musste gesondert entsorgt werden, was mehrere Monate Zeitverlust und erhebliche Mehrkosten verursachte.

Bei Hügelsheim wurden die ersten belasteten Flächen gefunden. Die Gemeinde reichte auch als erste Klage gegen den vermeintlichen Verursacher der Umweltverschmutzung, den Komposthändler Vogel, ein.

In Kuppenheim gründete sich die Bürgerinitiative, die bis heute für sauberes Trinkwasser und eine Aufklärung der Bevölkerung und des Skandals kämpft.

Im Rastatter Wasserwerk Rauental wurde die PFC-Problematik 2012 entdeckt.

Bei Sinzheim liegen einige belastete Flächen entlang der A5 zwischen Karlsruhe und Basel. Hier wohnt auch der Landwirt, der jahrelang nichtsahnend sein belastetes Brunnenwasser trank und dadurch den höchsten PFC-Wert der Region in seinem Blut aufwies.

In Sandweier darf ein Angelsportverein keine Fische mehr aus dem eigenen See verzehren. Auch ein Kieswerk hier ist betroffen.

Erklärung

Was die Darstellung genau bedeutet und ab wann ein Acker als "belastet" gilt, steht auf der Internetseite der LUBW.

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Im Zusammenhang mit der PFC-Belastung in Mittelbaden ist noch vieles unklar.

Woher kommen die PFC? Die Behörden sind sich zwar sicher, den Verursacher in Form des Komposthändlers aus Bühl ausfindig gemacht zu haben. Allerdings: Die Staatsanwaltschaft hat ein Ermittlungsverfahren gegen ihn eingestellt – unter anderem mit der Begründung, dass ihm kein schuldhaftes Handeln nachgewiesen werden könne.

Der Komposthändler selbst kämpft heute mit der Unterstützung zweier Chemiker im Ruhestand um seinen Ruf – und um das Überleben seines Unternehmens

Derweil finden sich PFC nicht nur im Boden und im Grundwasser, sondern auch im Blut der Bevölkerung. Ein Bauer aus Sinzheim ist ausweislich einer Blutprobe trauriger Rekordhalter. Statt Sorge um seine Gesundheit erfährt er von den Behörden aber vor allem ständig neue Auflagen, nach denen er seine Trinkwasserversorgung regulieren solle.









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Überhaupt sind die möglichen gesundheitlichen Schäden der PFC-Belastung noch kaum absehbar. Das liegt auch daran, dass es generell wenig Wissen zu den Schadstoffen gibt. Bestehenden Schwellenwerten für Feldfrüchte und Wasser fehlt eine seriöse Basis – Experten bezeichnen sie hinter vorgehaltener Hand als "wissenschaftliche Krücken".

Die Behörden wurden von der PFC-Problematik offenbar kalt erwischt. Zwar haben sie seit Bekanntwerden der Belastungen ihre Zusammenarbeit und den Austausch untereinander verstärkt. Für Außenstehende sind Verantwortlichkeiten und Zuständigkeiten indes oft unklar: Bis heute sind zahlreiche Stellen in den Fall involviert. Es gibt Kritik an der Aufarbeitung des Falles wie auch an den Ermittlungen der Justizbehörden.  

Das ist auch deswegen dramatisch, weil die wahre Dimension des Problems PFC wohl noch im Dunkeln liegt. "Wahrscheinlich werden wir es überall dort finden, wo wir suchen", erklärt ein ehemaliger Mitarbeiter des Umweltbundesamtes.

Der PFC-Skandal in Baden, darauf deutet vieles hin, ist wahrscheinlich erst der Anfang. Vielleicht der Anfang einer Geschichte, an deren Ende die Erkenntnis steht: Der Mensch hat ein Gift in die Welt gebracht, dem er nun nicht mehr Herr wird.
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Das Gift in uns

Albrecht Meier hat den höchsten gemessenen PFC-Wert im Blut – und noch ganz andere Sorgen
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Wäre da nicht der Lärm von der gerade mal 200 Meter entfernten A5, man könnte den Rosenhof bei Baden-Baden für das perfekte Idyll halten.

Das wirkliche Problem hier kann aber kein Mensch hören, sehen, riechen oder schmecken.

Aus dem Brunnen von Landwirt Albrecht Meier fließt PFC-belastetes Wasser. Und er trank es jahrelang.
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Im Jahr 2017 hatte Albrecht Meier mehr als Tausend Mikrogramm PFC in seinem Blut.



Pro Liter.




Die allgemeine Grundbelastung der Bevölkerung liegt bei rund sechs Mikrogramm.
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"Ich habe mich letztes Jahr noch mal untersuchen lassen. Die Werte sind runtergegangen, um 200.

Ob das schädlich ist, weiß sowieso keiner. Da müsste ich ja was merken, aber ich merk eigentlich gar nichts."

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Drei Menschen wohnen auf dem Rosenhof und fast 30 Pferde. Bis vor einigen Jahren tranken sie alle das gleiche Wasser, aus dem Brunnen in Albrecht Meiers Garten.

Von dort laufen Rohre ins Wohnhaus, in den Stall, in die Wirtschaftsgebäude. Wie lange durch diese Leitungen PFC floss, in die Tränken der Tiere und in den Tee von Landwirt Meier, weiß niemand genau.

Als bekannt wurde, dass giftige Chemikalien im mittelbadischen Grundwasser schwimmen, ließ Meier sein Wasser untersuchen. Er schickte Proben an ein Labor in der Pfalz und bekam die Bestätigung: Sein Gelände ist belastet, sehr sogar.


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Also baute er im Keller des Wohnhauses Aktivkohlefilter ein. Seit 2014 wechsele er alle drei Monate die Kartuschen, sagt Meier, 500 Euro koste das jedes Mal. Am Waschbecken in der Küche gibt es einen zusätzlichen Filter.

Trotzdem wurde Meiers Blut der höchste PFC-Wert der Region gemessen – vielleicht der gesamten Republik. Zu lange hatte er ahnungslos sein belastetes Wasser getrunken. Mittlerweile kauft er Trinkwasser in Flaschen, um sich ganz sicher vor PFC zu schützen.

„Ob das schädlich ist, weiß keiner“, sagt der 66-Jährige aber. Etwas anderes stört Meier viel mehr: „Ich krieg hundert Auflagen, muss alles selber zahlen, bin aber gar nicht selber schuld.“



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Er hat nie Kompost auf seine Felder gefahren, sagt Meier.


Er hat seine Felder seit ewig und drei Tagen nicht beregnet, sagt Meier.


Keiner weiß, wo die PFC in seinem Boden herkommen, sagt Meier. „Vielleicht aus der Luft? Es ist überall verteilt."



Wo auch immer sie herkommen, sie sind nun einmal da. Und mit den Chemikalien kamen die Beamten.
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Zuerst bemängelte das Gesundheitsamt Meiers Gutachten und forderte ein neues. Dann musste Meier Schilder aufhängen, „Kein Trinkwasser“, an jeder einzelnen Zapfstelle.

Er darf sein Wasser nicht an Dritte weitergeben. Er muss regelmäßig Gutachten vorlegen, die kosten jedes Mal mehr als 100 Euro. Er muss alle Anwohner über die PFC-Problematik unterrichten und das ganz genau dokumentieren.

Die Behörden nahmen seinen Brunnen in Augenschein, seine Felder, seine Ställe, nur für Albrecht Meier selbst interessierten sie sich nicht.

„Als ich den Leiter des Gesundheitsamts gefragt habe, ob er mich nicht mal untersuchen möchte, hat er gesagt, das sei nicht seine Aufgabe“, so Meier. Also organisierte er seine Blutprobe selbst. „Du bist alleingelassen im Endeffekt.“


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Zum Zähneputzen und zum Kochen verwendet Meier das gefilterte Wasser im Wohnhaus. Es ist seit Einbau der Filter PFC-frei, das hat er schriftlich.

Die Pferde im Stall trinken weiterhin das  ungefilterte Wasser. In ihren Pässen steht nun, dass sie keine Schlachtpferde mehr sind: für den menschlichen Verzehr nicht geeignet.

Auf Meiers Feldern wächst Hafer und Mais, beide Pflanzen nehmen kaum PFC aus dem Boden auf. Und auch Rosen wachsen natürlich auf dem Rosenhof. Bei Blumen ist es egal, wie viel Gift in ihnen steckt.





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In der Region sehen die Menschen das Thema nicht allzu tragisch, sagt Meier. „Ist denen egal, ob ich hier PFC hab oder nicht.“ Nur den Behörden sei es mittlerweile nicht mehr egal, da sie jedem Bürger Trinkwassser zur Verfügung stellen müssten.

Die Gemeinde Sinzheim möchte Meier nun an die kommunale Wasserversorgung anschließen, das hatte er schon vor Jahren gefordert. Dafür würden aber 40.000 Euro fällig. „Da kann ich lange Wasser in der Apotheke kaufen“, sagt Meier.

Er ist nicht bitter, höchstens ernüchtert. Der Skandal hat ihn viele Tausend Euro gekostet, noch viel mehr Nerven und vielleicht die Gesundheit.
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Ob er sauer ist auf den Verursacher der Umweltverschmutzung? „Wer soll es denn gewesen sein“, sagt Meier. „Es ist nix bewiesen, gar nix. Ob es der Vogel war oder nicht, ich weiß es nicht.“

Bei einer zweiten Blutuntersuchung vor wenigen Monaten waren Meiers PFC-Werte immerhin um ein Fünftel zurückgegangen. Meiers Sohn hat ebenfalls erhöhte Werte, die Tochter hat sich nicht testen lassen.

Was sollen sie auch machen mit der Gewissheit, dass das Gift in ihnen steckt? Kein Arzt kann Meier sagen, welche Risiken PFC genau bergen. Immerhin sind seine Werte schon um einiges besser geworden.  


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Wenn er schnell eine Tablette nehmen muss und keine Flasche Sprudel zur Hand hat, greift Meier ausnahmsweise doch auf sein Brunnenwasser zurück.

„So schnell stirbt man nicht“, sagt er.

Und, dass er weiterhin hofft, doch noch günstig an die kommunale Wasserversorgung angeschlossen zu werden.

„Die Hoffnung stirbt zuletzt.“
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Was der mutmaßliche Verursacher sagt

Ein Besuch bei Franz Vogel
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Auf Franz Vogels Fensterbrett steht ein grünes Sparschwein. "Schwarzgeld" steht in dicken Buchstaben darauf.

Der Chef der Umweltpartner Vogel AG neigt zu Scherzen, lacht oft, auch wenn er nüchtern betrachtet nicht viel zu lachen hätte. Gerade wurde er verklagt, wieder einmal, es geht um 6,5 Millionen Euro.

„Mit unserer anderen Firma, die wir noch haben, finanziert sich das“, sagt Vogel über die zahlreichen Prozesse, die er am Hals hat. „Sonst wären wir schon tot.“
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Als die PFC-Belastung in Mittelbaden 2013 bekannt wurde, dauerte es nicht lange, bis die Behörden die Ursache zu kennen glaubten. Der Komposthändler Franz Vogel aus Bühl hat seinen Düngemitteln jahrelang Papierfasern beigemischt – Produktionsabfälle von mehreren Papierfabriken in der Region.


Ein ideales Düngemittel für die Landwirtschaft, meint Vogel.


PFC-verseuchte Fremdstoffe, meinen die Behörden.
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Das ist die Rechtslage

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Fakt ist: Das Karlsruher Verwaltungsgericht und der Verwaltungsgerichtshof stellten jeweils „hinreichend belastbare Anhaltspunkte“ für die PFC-Belastung der Papierfasern fest und sehen den Zusammenhang zur Verunreinigung des Grundwassers als belegt an.

Landratsamt, Regierungspräsidium und die betroffenen Gemeinden sind fest davon überzeugt, dass Vogel der Verursacher ist.

Allerdings wurden die strafrechtlichen Ermittlungen eingestellt, weil die fünfjährige Verjährungsfrist gerade so abgelaufen war und die Staatsanwaltschaft Vogels Verantwortlichkeit nicht mit ausreichender Sicherheit nachweisen konnte. Es fehlte an Lieferscheinen, an Materialproben, an chemischen Analysen.

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Wer das Kompostwerk der Firma Vogel in Bühl besucht, käme nie auf die Idee, dass hier die größte Umweltverschmutzung der Bundesrepublik passiert sein soll.

„Es liegt in unseren Händen, die Schönheit des Planeten zu bewahren“, steht an einer Wand. Schulkinder haben das Bild vor vielen Jahren gemalt, es ist schon ein wenig verbleicht.

Franz Vogel lädt bei Schnittchen und Kaffee zum Interview, er freut sich, dass er seine Sicht der Dinge darstellen darf.

Mit ihm am Tisch sitzen Rainer Kluge und Hans-Norbert Marx: Beide Chemiker, beide im Ruhestand, beide beraten Vogel in der PFC-Problematik. Ehrenamtlich.
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Das sagen die Betroffenen

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„Das ist eine ganz schwache Sache, die nie belegt werden konnte. Man hat auf den Herrn Vogel eingedroschen mit Vermutungen, die für eine staatliche Behörde unter aller Würde sind. Das ist Schwachsinn.“

Rainer Kluge
Wissenschaftlicher Berater

"Wenn Sie Chemiker sind, dann stellen sich da die Nackenhaare auf und man denkt, man muss eingreifen und helfen."

Hans-Norbert Marx
Diplom-Ingenieur

"Klar bin ich unschuldig. Aber der Anfangsverdacht hat den Behörden gereicht."

Franz Vogel
Kompost-Unternehmer

"Null komma Null, nichts nachweisbar. Man kann nicht davon ausgehen, dass in Altpapier PFC enthalten sind."

Birgit Vogel
Tochter und Finanzbuchhalterin

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„Da schlägt das Gerechtigkeitsempfinden durch“, sagt Marx, „wenn man sieht, wie viel da falsch dargestellt wird.“

Auf Marx' Visitenkarte steht "Sachverständiger für Umweltauswirkungen von chemischen Stoffen", er hat bei BASF gearbeitet und beschäftigt sich nach eigenen Angaben schon seit 40 Jahren mit der Stoffgruppe der PFC. Er leistet der Umweltpartner Vogel AG "chemischen Beistand", sagt er.

Und holt ein Weckglas aus der Tasche, in dem fluffige, braune Polyesterfasern lagern.
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Hans-Norbert Marx erklärt sich das mit dem PFC auf den Äckern so: Synthetische Mulchvliese, die im Erdbeer- und Spargelanbau zum Einsatz kamen, sind in den Ackerboden geraten.

Bei den belasteten Papierfasern, die die Behörden gefunden haben wollen, handele es sich in Wirklichkeit um diese Kunststoffe, die auch er aufgesammelt und in Gläser gesteckt hat.

An der PFC-Belastung, sagt Marx, sei aber hauptsächlich Klärschlamm schuld, der viele Jahre lang von zahlreichen Landwirten auf die Felder ausgebracht worden sei.
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Dem widerspricht eine Studie der Landesanstalt für Umwelt (LUBW), die folgert, „dass kommunaler Klärschlamm nicht die Ursache von hohen PFC-Belastungen in Böden sein kann.“

Rainer Kluge findet den Bericht der LUBW „in der Aussage etwas leichtfertig“. Die Behörde habe bei ihren Untersuchungen von vornherein eine Wertung gehabt und nicht neutral gearbeitet, sagt der Chemiker.

Die Firma Vogel und die beiden Chemiker machen also Klärschlamm für die PFC-Belastung verantwortlich. Laut Landratsamt kommt der aber schon seit mehr als 25 Jahren nicht mehr auf die Felder.
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An dieser Stelle schaltet sich Birgit Vogel ein. Sie ist die Tochter von Franz Vogel und arbeitet seit zwölf Jahren im Betrieb.

„Es stimmt nicht, dass der Klärschlamm seit mehr als 20 Jahren nicht mehr auf die Felder kommt“, sagt Birgit Vogel. Das wisse sie, weil sie erst Anfang 30 sei und trotzdem viele Menschen kenne, die noch jahrelang mit kommunalem Klärschlamm gedüngt hätten.

„Jeder Privatmann hat den mit dem Anhänger holen können“, ergänzt ihr Vater.
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Das denkt Vogel

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Mit dem Klärschlamm hat Franz Vogel eine mögliche andere Ursache gefunden, die er für die PFC-Belastung verantwortlich machen kann.

Vogel ist gezeichnet im sechsten Jahr des Skandals. „Die ersten vier Wochen dachte ich, ich wär’s gewesen“, sagt Vogel. Die Kriminalpolizei kam, acht Mann im Büro und vier bei ihm zuhause.

Kistenweise wurden Unterlagen aus der Firmenzentrale getragen, er musste alle Computer abgeben. „Das wünsche ich niemandem, nicht meinem größten Feind."

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Mithilfe seiner beiden Chemiker behauptet Vogel nun: Seine Papierfasern waren einwandfrei, es wurden keine PFC in größeren Mengen nachgewiesen, nicht bei ihm im Betrieb und auch nicht bei 43 Proben von Papierfabriken aus der ganzen Republik. Rainer Kluge hat diese Proben besorgt und auf ihrer Grundlage eine Analyse erstellt, die zum Ergebnis kommt: Vogel hätte seinen Kompost meterhoch auf die Äcker kippen müssen, um eine Belastung zu erreichen, die der im mittelbadischen Boden entspricht.

Unsere Redaktion hat Kluges Argumentation von namhaften Boden-Experten prüfen lassen. Der Tenor: Sie sei aus fachlicher Sicht korrekt angefertigt - allerdings nicht unbedingt aussagekräftig.

"Faktisch kann man aus 43 Proben, in denen kein oder kaum PFC enthalten ist, nicht schließen, dass generell in Papierschlämmen keine PFC enthalten sind", erklärt einer der Fachleute.  "Letztlich erweckt die Analyse daher den Eindruck, beweisen zu wollen, was bewiesen werden soll."

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Kluge führt in seiner Analyse mehrere andere Quellen auf, aus denen die PFC in die Böden gelangt sein könnten. Aber er liefere eben keine schlüssige Erklärung, welche dieser Quellen tatsächlich zu der hohen Konzentration geführt hat, moniert der Fachmann weiter.

"Letztlich gibt es für die Höhe der Konzentration neben der Kompostthese keine andere schlüssige Erklärung."

Kluge nennt in seinen Analysen neben Löschschäumen und Flugbenzin auch wieder Klärschlämme als Ursache für die PFC-Belastung. Die Landesanstalt für Umwelt rechnet vor, dass man 150 Jahre lang Klärschlamm auf die Felder hätte kippen müssen, um solche Werte wie auf den betroffenen Feldern zu erreichen.
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Und überhaupt, die Mengen: Eine jährliche Annahme von 2.500 Tonnen bestimmter Abfälle aus der Papierherstellung, darunter Papierfasern, hatte Vogel der Stadt Baden-Baden 1999 gemeldet. Mehr als 106.000 Tonnen hat er allein zwischen 2006 und 2008 angenommen, das geht aus den Wiegeprotokollen der Firma hervor. 

„Die Behörde wusste jede Tonne, die wir ausgebracht haben“, behauptet hingegen Franz Vogel. Und es kommt noch heikler: Zwischen 2003 und 2008 erlaubte die Düngemittelverordnung überhaupt keine Verwendung von Papierfasern. Vogel setzte sie trotzdem ein, rechtswidrig also. Das bemerkten die Behörden 2008, er hörte auf und zahlte 40.000 Euro Bußgeld.

Mit PFC habe das alles jedoch nichts zu tun, sagt Hans-Norbert Marx: „Wenn er eine rote Ampel überfährt, wird ihm ja auch nicht zu Last gelegt, dass er woanders falsch geparkt hat.“
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„Ein schweres Leben“ habe er mit der ganzen Sache, sagt Vogel. „Die Behörden haben sich zu weit aus dem Fenster gelehnt und konnten nicht mehr rückwärts rein. Da brauchte man einen Sündenbock.“

Das Verwaltungsgericht Karlsruhe urteilte, Vogel sei von den Behörden zurecht zur Zahlung für Bodenproben herangezogen worden. Im Urteil schreibt es von einer „schlüssigen Indizienkette“, aus der sich ergibt, dass die PFC-Verunreinigungen durch "die Aufbringung [...] des Kompostgemischs mindestens maßgeblich mitverursacht wurden.“

Das Gericht stützt sich auch auf zwei Kompostproben, die 2007 auf dem Gelände genommen und 2014 positiv auf PFC getestet wurden. Nach Recherchen der BNN-Mitarbeiterin Patricia Klatt waren diese Proben im Auftrag des Regierungspräsidiums Stuttgart während einer unangekündigten Kontrolle genommen, aber damals noch nicht auf die Chemikalien untersucht worden.
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Im Verfahren vor dem Verwaltungsgericht Karlsruhe entkräfteten die Behörden die weiteren Argumente der Vogels.

Klärschlämme kämen demnach als Ursache nicht in Frage – einerseits, weil die Behörden deren Aufbringung dank Lieferscheinen ganz genau nachvollziehen könnten; andererseits, weil die PFC-Zusammensetzungen in Klärschlämmen laut der LUBW-Studie ganz andere seien als im mittelbadischen Boden. Bei mindestens zwei Papierfabriken, die Vogel beliefert haben, seien außerdem PFC-Substanzen gefunden worden.  

Für die Behörden kommen laut Urteilsbegründung "andere Ursachen als die Kompostaufbringung für die Kontamination des Bodens und des Grundwassers nach derzeitigem Erkenntnisstand nicht ernsthaft in Betracht". Der Verwaltungsgerichtshof Baden-Württemberg bestätigte 2019 das Urteil.




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„Auf einen kleinen Vogel kann man draufhauen“, sagt Vogel. „Der kann sich nicht wehren.“

An der Wand hängt eine Landkarte mit Stecknadeln in China, Australien, Israel, Brasilien, Kanada, den USA, der Türkei, sogar in Syrien.

Alles Orte, an denen seine zweite Firma Kompostanlagen baut und vertreibt.
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Durch das PFC habe man einen großen Imageschaden und Umsatzeinbuße verzeichnet, sagt Finanzbuchführerin Birgit Vogel.

Zum 30-jährigen Firmengeburtstag veranstaltete sie 2018 ein großes Sommerfest, mit Hüpfburg und PFC-Infostand. Auf der Website www.wir-waren-es-nicht.com sind die wesentlichen Argumente der Vogels zu ihrer Verteidigung nachzulesen.

Es habe sogar jemanden gegeben, der ein Spendenkonto einrichten wollte, aber das habe Franz Vogel abgelehnt.
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Der "singende Unternehmer", wie Franz Vogel sich auch nennt, verbreitet im Internet Hymnen auf die Umwelt und das Leben, im Walzertakt.

Vogel sieht sich als Bio-Gärtner, als Freund der Umwelt und als Pionier der Komposttechnik. Seit 1970 habe er kein Gift im Garten eingesetzt, er habe den Umweltpreis der Stadt Baden-Baden gewonnen und schließlich die Umweltpartner Vogel AG gegründet. 



„Und so haben wir unsere Böden in der Region besser gemacht“, sagt Vogel.
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Wasser

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Im Wasserwerk Rauental kam 2012 alles ans Licht: Die Rastatter Stadtwerke bemerkten bei einer Untersuchung des Tiefbrunnens viel zu hohe PFC-Werte im Trinkwasser.

Das Werk wurde vom Netz genommen, aber auch andere Wasserversorger fanden plötzlich die Chemikalien in ihren Brunnen. 

Mit jedem Liter waren PFC in die Wasserhähne tausender Menschen geflossen. 

Wie lange schon? Das weiß niemand.

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Einer, der es herausfinden möchte, ist Ulrich Schumann. Er ist Vorsitzender der Bürgerinitiative "Sauberes Trinkwasser für Kuppenheim", die sich längst über die 8000-Einwohner-Stadt am Rande Rastatts hinaus einen Namen gemacht hat.

Die BI kritisiert, dass Anwohner lange nicht angemessen über die Gefahren im Wasser informiert wurden. Der Warnwert für Stillende, Schwangere und Säuglinge wurde 2013 in Kuppenheim überschritten.

„Im September ging man damit an die Öffentlichkeit, wie es vorgeschrieben ist", sagt Schumann, „allerdings informierte man nur die Lokalpresse, also nicht alle Betroffenen."


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Die PFC sickern von den belasteten Äckern aus durch den Boden ins Grundwasser. 

Unter der Region Oberrhein befindet sich einer der größten Grundwasserleiter Europas. Er ist nun auf Jahrzehnte mit PFC belastet, die langsam Richtung Norden schwimmen. Das haben Untersuchungen und Berechnungen der LUBW ergeben.

Die Wasserversorger mussten eingreifen, nicht nur in Rastatt.

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Bis heute gibt es keine gesetzlichen Grenzwerte für PFC im Trinkwasser. Für manche PFC-Verbindungen existieren zwar Leitwerte des Umweltbundesamts, für viele aber nur sogenannte "Gesundheitliche Orientierungswerte".

Diese seien "vorsorglich so niedrig festgelegt, dass eine Unterschreitung die lebenslange Duldbarkeit bedeutet", schreibt die PFC-Stabsstelle im Regierungspräsidium Karlsruhe.

Wie belastbar sie allerdings wirklich sind, ist unklar. Ein Experte, der im Umweltbundesamt zur PFC-Thematik gearbeitet hat, sagt, es gebe noch gar kein ausreichendes Wissen, um valide Grenzwerte festzulegen. "Die Werte, die kursieren, sind eigentlich eine wissenschaftliche Krücke", urteilt er.


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Diese Grenzwerte gibt es

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Allgemeiner Vorsorgewert: 0,1µg/l


Der allgemeine Vorsorgewert gilt je Einzelverbindung. Wird er überschritten, müssen die Trinkwasserversorger Maßnahmen zur Reduzierung des PFC-Gehalts ergreifen.

Für einzelne PFC können geringere Leitwerte gelten. Sind mehrere solcher PFC im Wasser enthalten, wird die Gesamtbelastung anhand einer Quotientensumme errechnet. Bei einer Quotientensumme unter 1 wird von einem ausreichenden Schutz für alle Bevölkerungsgruppen bei lebenslanger Aufnahme ausgegangen.

Vorsorge-Maßnahmenwert für sensible Gruppen: 0,5 µg/l


Dieser Wert gilt für die Summe der Verbindungen PFOS und PFOA und dient der Orientierung für Schwangere, Stillende und Säuglinge.

Bei Überschreitung ist das Wasser für diese sensiblen Gruppen nicht mehr als Trinkwasser und für die Herstellung von Lebensmitteln verwendbar.​​

Vorsorge-Maßnahmenwert: 5 µg/l​


Auch dieser Wert gilt für die Summe der Verbindungen PFOS und PFOA.

Bei Überschreitung ist das Wasser nicht mehr als Trinkwasser und zur Herstellung von anderen Lebensmitteln verwendbar.​​

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Seit der Jahrtausendwende gibt es zunehmend mehr wissenschaftliche Untersuchungen zu den gesundheitlichen Auswirkungen von PFC auf den Menschen. Ein Untersuchungsobjekt war immer wieder die amerikanische Stadt Cottage Grove in Minnesota.

Hier hat die Firma 3M im Jahr 1947 begonnen, PFC zu produzieren. 15 Jahre später wurden erste gesundheitliche Bedenken laut. 2005 entdeckte man in Minnesota, ähnlich wie später in Mittelbaden, eine großflächige Belastung des Trinkwassers.

Es gab Berichte über Fehlbildungen bei Kindern von Arbeiterinnen aus 3M-Betrieben und anderen Chemiefirmen sowie ungewöhnlich häufige Krebserkrankungen. Viele Erkenntnisse aus der amerikanischen Forschung wurden aber nie oder erst Jahrzehnte später publiziert.

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Sicher ist, dass sich PFC im menschlichen Körper einlagern und dort sehr lange bleiben können   – die Halbwertszeit mancher Einzelverbindungen beträgt drei bis fünf Jahre.

"Erhöhte PFOA-Expositionen begünstigen eine Reihe von Krankheiten", steht in einer Zusammenfassung des Umweltbundesamts von 2013.

Verschiedene Studien von amerikanischen und internationalen Forschern haben alle möglichen potentiellen Risiken abgeleitet.


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Diese gesundheitlichen Risiken werden PFC zugeschrieben

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Immunsystem

PFC sollen das Immunsystem schwächen.

Mäuse, die in Versuchen PFC ausgesetzt waren, hatten geringere Überlebenschancen bei einer normalen Influenza-Infektion.

Quelle: Grandjean, Philippe/ Clapp, Richard (2015): Perfluorinated Alkyl Substances: Emerging Insights Into Health Risks

Krebs

PFC stehen im Verdacht, verschiedene Krebsarten erregen zu können. Dazu zählen Blut-, Hoden-, Nieren- und Prostatakrebs. Langzeitversuche mit Ratten und Mäusen haben ergeben, dass PFOS und PFOA die Entstehung von Leber-, Bauchspeicheldrüsen- und Leydigzell-Tumoren fördern.

Studien mit Mitarbeitern von Chemiefirmen haben zwar teilweise auffällig viele Krebserkrankungen festgestellt, insgesamt waren die Fallzahlen aber zu gering, um daraus allgemeingültige Schlussfolgerungen ziehen zu können.

Quellen:
Umweltbundesamt (2013): Per- und polyfluorierte Chemikalien: Einsatz mit Konsequenzen
Grandjean, Philippe/ Clapp, Richard (2015): Perfluorinated Alkyl Substances: Emerging Insights Into Health Risks

Darmerkrankungen

PFC könnten verschiedenen Studien zufolge chronisch-entzündliche Darmerkrankungen begünstigen, wie etwa Colitis Ulcerosa.

Quelle: Umweltbundesamt (2013): Per- und polyfluorierte Chemikalien: Einsatz mit Konsequenzen

Cholesterin

PFC sollen zu hohen Cholesterinwerten beitragen, weil sie den Fettstoffwechsel beeinträchtigen. Allerdings gibt es auch Studien, die keinen direkten Zusammenhang nachweisen konnten.

Quelle: Marschall, Nina (2009): Belastung der Bevölkerung im Hochsauerlandkreis durch perfluorierte Verbindungen

Schilddrüsenerkrankungen

PFC könnten Krankheiten der Schilddrüse begünstigen.

Quelle: Umweltbundesamt (2013): Per- und polyfluorierte Chemikalien: Einsatz mit Konsequenzen

Fortpflanzung

In Versuchen mit Mäusen war die Sterblichkeit von neugeborenen Tieren, die PFOA ausgesetzt waren, stark erhöht. Sie wogen auch weniger als Tiere, die sich ohne PFC-Belastung entwickeln konnten.

Weitere Studien begründeten später den Verdacht, dass PFC auch die Fruchtbarkeit von Menschen negativ beeinflussen. So soll die Spermienqualität und -anzahl von Männern an PFC genauso leiden wie die Fruchtbarkeit von Frauen.

Quellen:
Umweltbundesamt (2013): Per- und polyfluorierte Chemikalien: Einsatz mit Konsequenzen
Grandjean, Philippe/ Clapp, Richard (2015): Perfluorinated Alkyl Substances: Emerging Insights Into Health Risks


Entwicklung

Es gibt Hinweise darauf, dass PFC die hormonelle Entwicklung beeinflussen könnten und Lebewesen mit viel PFC im Körper beispielsweise erst später in die Pubertät kommen bzw. geschlechtsreif werden könnten.

Quelle: Marschall, Nina (2009): Belastung der Bevölkerung im Hochsauerlandkreis durch perfluorierte Verbindungen

Sterblichkeit

Fütterungsversuche mit Tieren wiesen auf eine erhöhte Sterblichkeit hin, wenn die Tiere PFC aufgenommen hatten.

Eine Studie, die 1980 die Sterblichkeit von Menschen untersuchte, die im Berufsleben PFC ausgesetzt waren, konnte jedoch keine erhöhte Sterblichkeit im Vergleich zur normalen Bevölkerung feststellen.

Quelle: Marschall, Nina (2009): Belastung der Bevölkerung im Hochsauerlandkreis durch perfluorierte Verbindungen



Impfungen

Der langfristige Impferfolg bei Kindern soll geringer sein, wenn sie viel PFC in ihrem Blut haben. Untersucht wurden Diphterie- und Tetanus-Impfungen bei Kleinkindern.

Quellen:
Umweltbundesamt (2013): Per- und polyfluorierte Chemikalien: Einsatz mit Konsequenzen
Grandjean, Philippe/ Clapp, Richard (2015): Perfluorinated Alkyl Substances: Emerging Insights Into Health Risks

Schwangerschaftsvergiftung

PFC sollen während der Schwangerschaft zu einem erhöhten Blutdruck beitragen können und möglicherweise eine Präeklampsie auslösen, besser bekannt als Schwangerschaftsvergiftung.

Quellen:
Umweltbundesamt (2013): Per- und polyfluorierte Chemikalien: Einsatz mit Konsequenzen

Schwangerschaftsdiabetes

Es gibt Hinweise darauf, dass eine PFC-Belastung im Blut die Wartezeit auf eine Schwangerschaft verlängern kann und zu Schwangerschaftsdiabetes beitragen kann.

Quelle: Umweltbundesamt (2013): Per- und polyfluorierte Chemikalien: Einsatz mit Konsequenzen

Stillen

Säuglinge nehmen PFC beim Stillen mit der Muttermilch auf  – und zwar mit einer bis zu 15-fach höheren Aufnahmerate als Erwachsene.

Quelle: Umweltbundesamt (2013): Per- und polyfluorierte Chemikalien: Einsatz mit Konsequenzen

Geburtsfehler

Einige Arbeiterinnen aus dem 3M-Chemiewerk in Minnesota, wo erstmals PFC hergestellt wurden, berichteten von Fehlbildungen bei ihren Kindern.

In Tierversuchen wurden zum Beispiel Gaumenspalten, Herzfehler und verzögertes Knochenwachstum beobachtet.

Quelle: Grandjean, Philippe/ Clapp, Richard (2015): Perfluorinated Alkyl Substances: Emerging Insights Into Health Risks

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Die Bürgerinitiative aus Kuppenheim untersuchte nach Bekanntwerden der Belastungen auf eigene Kosten das Blut vieler Bürger und stellte erhöhte PFC-Konzentrationen fest.

Erst 2017 ordnete Gesundheitsminister Manne Lucha staatliche Blutuntersuchungen in der Region an, die die Ergebnisse bestätigten.

"Es ist nicht auszuschließen, dass es bereits zu Gesundheitsschäden gekommen ist", schrieb die BI auf einem Flugblatt an alle Kuppenheimer Haushalte.



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Die Frage, ob er selbst noch Wasser aus dem Hahn trinkt, kann Ulrich Schumann von der Bürgerinitiative schon lange nicht mehr hören.

Für ihn geht es um viel Grundlegenderes: "Dass es im 21. Jahrhundert, wo alle von Umweltschutz reden, zu einem solchen Skandal kommen kann und es dann so schwierig ist, die nötigen Schritte einzuleiten", kann er nicht verstehen. Kommunal-, Regional- und Landespolitik hätten die Verantwortung hin- und hergeschoben.

"Keiner wollte die Kosten auf sich nehmen, um das Problem aus dem Weg zu schaffen", sagt Schumann. "Und so wurde das Problem immer größer."


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Denn PFC gelangen nicht nur übers Trinkwasser in den menschlichen Körper. Viele Pflanzen, die auf PFC-belastetem Boden wachsen, nehmen die Chemikalien auf.

Obst und Gemüse von betroffenen Äckern wird deswegen mittlerweile schon vor der Ernte auf PFC untersucht. Manche Sorten sollen laut Landratsamt überhaupt nicht mehr angebaut werden.

Trotzdem ziehen die Lebensmittelkontrolleure immer wieder belastete Ware aus dem Verkauf, kürzlich sogar in Mannheim.
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In ganz Baden-Württemberg entdecken die Behörden immer noch neue, belastete Ackerflächen – obwohl offiziell schon seit mehr als zehn Jahren kein vergifteter Kompost mehr auf die Felder kommt.

Die PFC-Fahne im Grundwasser fließt derweil weiter und wird bald auch das Rastatter Wasserwerk Ottersdorf erreichen.

Der erneuerte Tiefbrunnen, der im Wasserwerk Förch extra zur Förderung unbelasteten Wassers in Betrieb genommen wurde, weist mittlerweile ebenfalls PFC auf.
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Die Behörden berufen sich zwar darauf, dass alle Wasserversorger rund um Rastatt seit Ende 2014 die empfohlenen Höchstwerte einhalten.

Die Kuppenheimer Bürgerinitiative ist dennoch alarmiert: "In allen Bereichen die höchsten Werte seit 2014!", schreibt sie im Juli 2019.

Die ursprüngliche Hoffnung, die PFC-Werte würden mit den Jahren abnehmen, hat sich nicht bestätigt. Immer neue Brunnen und Filteranlagen – wie hier im Video die in Rauental – müssen her.


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Die Wasserversorger haben viele Millionen Euro für die Reinigung des Wassers gezahlt und deswegen ihre Wasserpreise erhöht. 

Die Stadtwerke Rastatt versuchen, die Kosten per Schadensersatzklage gegen den mutmaßlichen Verursacher des Skandals zurückzuholen. Sollte das nicht klappen, fordert Geschäftsführer Olaf Kaspryk finanzielle Unterstützung vom Land Baden-Württemberg.

Er beruft sich auf die europäische Wasserrahmenrichtlinie. Laut der müssen die Flussgebietsbehörden alle sechs Jahre ein Maßnahmenpaket zur Qualitätssicherung von Gewässern aufstellen.
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Zurzeit läuft die Bestandsaufnahme für das Maßnahmenprogramm der Jahre 2022 bis 2027. Die PFC-Problematik wird dabei laut baden-württembergischem Umweltministerium jedoch nicht berücksichtigt werden.

Der Fall um die Verschmutzungen im Grundwasser passe nicht zur Systematik der Richtlinie, argumentiert das Ministerium. Außerdem gebe es ohnehin keine konkreten Handlungsmöglichkeiten.

Es gibt Juristen, die das anders sehen, zum Beispiel den Umweltrechtler Wolfgang Köck von der Uni Leipzig. Im Endeffekt werden sich vielleicht Gerichte mit der Frage befassen müssen, wer auf lange Sicht für die Verunreinigungen von Wasser und Boden in Mittelbaden aufkommen muss.
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Welche juristischen Folgen der Skandal hat

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Das Kompostwerk der Firma Vogel in Bühl.
Das Kompostwerk der Firma Vogel in Bühl.
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Strafrechtlich ist der mutmaßliche Verursacher des PFC-Skandals, Franz Vogel, aus dem Schneider: Die Staatsanwaltschaft Baden-Baden hat 2017 ihre Ermittlungen gegen den Kompostunternehmer eingestellt. Strafbares Verhalten sei nicht nachweisbar, heißt es in der Begründung.

Denn: Erst seit dem 21. Mai 2007 gibt es in Baden-Württemberg einen Erlass, der einen Grenzwert für PFC-Abfälle vorschreibt. Vorher habe Vogel nicht wissen müssen, dass er womöglich verseuchten Kompost ausbringe.

Und erst seit dem 16. Dezember 2008 musste Kompost auf PFC untersucht werden. Zu dem Zeitpunkt hatte Vogel aber ohnehin schon die Verarbeitung von Papierfasern eingestellt – weil das Regierungspräsidium Stuttgart gegen ihn ein Verfahren wegen eines Verstoßes gegen die Düngemittelverordnung eingeleitet hatte.

Der Fall damals hatte allerdings nicht direkt mit den PFC zu tun. Vielmehr war es so, dass Vogel nach einer Änderung der Düngemittelverordnung im Jahr 2003 keine Papierfasern mehr hätte annehmen und verarbeiten dürfen. Er tat es dennoch, weswegen ihn das Regierungspräsidium Stuttgart 2008 letztlich mit einem Bußgeld von 40.000 Euro belegte.

Danach stellte er das Papier-Kompost-Gemisch nicht mehr her. Und brachte somit nach 2008 auch keine PFC mehr auf Agrarflächen auf.

Vogel hat also erwiesenermaßen Geschäfte mit verbotenen Papierfasern gemacht. Dass die auch noch mit PFC belastet waren, hat er vielleicht wirklich nicht gewusst.Hinzu kommt: Bei Aufnahme des staatsanwaltschaftlichen Ermittlungsverfahrens im Jahr 2014 war eine mögliche Schuld zudem bereits verjährt. Die entsprechende Frist liegt bei fünf Jahren.





Das Kompostwerk der Firma Vogel in Bühl.
Das Kompostwerk der Firma Vogel in Bühl.
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PFC-Expertin Patricia Klatt zu der Frage, ob der Komposthändler Schuld ist am PFC-Skandal:


"Er ist der Verursacher, aber die Frage der Schuld müsste auch in Richtung der Papierfabriken weitergegeben werden."

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Haben Papierfabriken Vogel benutzt, um belasteten Abfall loszuwerden? Diese Frage wird wohl unbeantwortet bleiben.
Haben Papierfabriken Vogel benutzt, um belasteten Abfall loszuwerden? Diese Frage wird wohl unbeantwortet bleiben.
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Hinter vorgehaltener Hand äußern manche Beobachter des Verfahrens Kritik am Vorgehen der Staatsanwaltschaft: Sie hätte statt in einer minderschweren Umweltstraftat gegen Vogel auch in einer schweren Umweltstraftat ermitteln können. Die Verjährungsfrist hätte dann bei zehn Jahren gelegen.

Zudem habe die Staatsanwaltschaft versäumt, ihre Untersuchungen auf die Papierfabriken auszuweiten, von denen Vogel die Papierfasern bezog.Deren Rolle bleibe damit unklar: Es sei immerhin denkbar, dass sie sich Vogels bedient hätten, um PFC-belasteten Abfall loszuwerden, heißt es. Zudem hätten die Papierfabriken Vogel möglicherweise gar nicht mit den indizierten Papierfasern beliefern dürfen.

Die Staatsanwaltschaft erklärte am Ende des Verfahrens: Weil zumindest nicht alle von Vogel beigemischten Abfallstoffe PFC enthielten, sei nicht mehr zu klären, welche Anlieferungen belastet waren und welche nicht. Daher sei in den Papierfabriken nicht ermittelt worden.

Haben Papierfabriken Vogel benutzt, um belasteten Abfall loszuwerden? Diese Frage wird wohl unbeantwortet bleiben.
Haben Papierfabriken Vogel benutzt, um belasteten Abfall loszuwerden? Diese Frage wird wohl unbeantwortet bleiben.
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PFC-Expertin Patricia Klatt erklärt die juristischen Konsequenzen des PFC-Skandals:


  • Strafrechtlich wurden die Ermittlungen eingestellt
  • Verwaltungsrechtlich wurde Komposthändler Vogel zur Zahlung der Kosten für Bodenuntersuchungen verurteilt
  • Zivilrechtliche Klagen laufen noch



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Die Pressemitteilung des Verwaltungsgerichtshofs zur Verurteilung Vogels.
Die Pressemitteilung des Verwaltungsgerichtshofs zur Verurteilung Vogels.
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Konsequenzen hat der Skandal für Vogel dennoch: Zunächst verdonnerten ihn die Stadt Baden-Baden und das Landratsamt Rastatt zur Zahlung von 242.000 Euro.

Auf diese Summe belaufen sich Kosten für Boden- und Gewässerproben, die kurz nach dem Bekanntwerden der Belastungen entnommen wurden. Vogel wehrte sich dagegen, scheiterte aber sowohl am Verwaltungsgericht Karlsruhe als auch anschließend am Verwaltungsgerichtshof in Mannheim.

Beide Gerichte argumentierten, dass es ausreichende Anhaltspunkte gäbe, um Vogel für die Verschmutzung in Haftung zu nehmen. In verwaltungsrechtlicher Hinsicht bestehen genügend Indizien, Vogel als „Störer“ zu betrachten und ihn, wie es im juristischen Jargon lautet, für die „vollständige Beseitigung der Störung in Anspruch zu nehmen.“
Die Pressemitteilung des Verwaltungsgerichtshofs zur Verurteilung Vogels.
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Olaf Kaspryk, Geschäftsführer der Stadtwerke Rastatt, mit der Klageschrift.
Olaf Kaspryk, Geschäftsführer der Stadtwerke Rastatt, mit der Klageschrift.
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Die Stadtwerke Rastatt haben daraufhin im April 2019 auch den zivilrechtlichen Weg beschritten – und klagen nun auf Schadensersatz. In einer ausführlichen Klageschrift, die unserer Redaktion vorliegt, fordern sie von Vogel die Zahlung von einer Summe von insgesamt 6,5 Millionen Euro.

Die Summe setzt sich aus sämtlichen Kosten zusammen, die bislang bei den Stadtwerken Rastatt im Zusammenhang mit der PFC-Belastung angefallen sind. Vorrangig resultieren sie aus Maßnahmen zur Sanierung von Trinkwasseranlagen.

"Letztendlich haben wir die Wasserpreise aufgrund dieser Investitionen erhöhen müssen", erklärt Geschäftsführer Olaf Kaspryk. "Die Verbraucher in Rastatt gehen sozusagen in Vorleistung, bis alles gerichtlich geklärt ist." Er geht davon aus, dass sich der Rechtsstreit über mehrere Instanzen und über mehrere Jahre hinzieht.




Olaf Kaspryk, Geschäftsführer der Stadtwerke Rastatt, mit der Klageschrift.
Olaf Kaspryk, Geschäftsführer der Stadtwerke Rastatt, mit der Klageschrift.
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Franz Vogel mit seinem Kompost, der laut seinen Angaben nie PFC enthalten hat.
Franz Vogel mit seinem Kompost, der laut seinen Angaben nie PFC enthalten hat.
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Die Stadt Hügelsheim hat ebenfalls eine Schadensersatzklage gegen Vogel eingereicht; die Stadt Bühl prüft eine Klage. Weitere Kommunen, in denen vergleichbare PFC-Belastungen entstehen, werden die Prozesse sicher aufmerksam verfolgen.

Auch sie könnten Vogel theoretisch auf erheblichen Schadensersatz verklagen. Unklar ist, ob der Komposthändler überhaupt in der Lage ist, entsprechende Zahlungen zu leisten.

Die Bürgerinitiative aus Kuppenheim möchte sich als Umweltverband anerkennen lassen, damit sie ebenfalls klagen kann. Das Landratsamt spricht davon, dass noch zahlreiche verwaltungsgerichtliche Verfahren folgen könnten.

Und Franz Vogel? Der möchte, wenn nötig, Verfassungsbeschwerde einreichen.

Auf einem goldenen Hufeisen in seinem Besprechungsraum steht: „Mut ist am Anfang. Glück am Ende.“
Franz Vogel mit seinem Kompost, der laut seinen Angaben nie PFC enthalten hat.
Franz Vogel mit seinem Kompost, der laut seinen Angaben nie PFC enthalten hat.
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Historie

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... informiert der Komposthändler Franz Vogel die Behörden über seine Absicht, reinen Holzschliff aus der Papierherstellung ohne jegliche Zusätze und Chemikalien anzunehmen. Als maximale Menge gibt er 2500 Tonnen pro Jahr an.
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...nimmt Franz Vogel vermutlich deutlich mehr Papierabfälle an, als er den Behörden gemeldet hatte – und laut Ansicht der Behörden nicht nur unbelasteten Holzschliff, sondern chemisch verunreinigte Schlämme. Diese Abfallarten waren von seiner Meldung an die Behörden nicht gedeckt und sind laut Düngemittelverordnung auch jahrelang nicht erlaubt.

"Nach Aktenlage wurden die Papierschlämme – zum Teil unkompostiert oder lediglich mit fertigem Kompost vermischt" auf Äckern ausgebracht.
(VGH Baden-Württemberg 2015, AZ 10 S 1131/15)
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Die Stadtwerke Rastatt stellen bei einer Untersuchung im Wasserwerk Rauental zufällig erhöhte PFC-Werte fest.

Weitere Messungen werden in Auftrag gegeben. Später wird klar: Die PFC sind vermutlich mit dem belasteten Kompost auf viele Felder in der Region gekommen und von dort ins Grundwasser gesickert.

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Das Wasserwerk Rauental wird außer Betrieb genommen. Auch im Notwasserwerk Niederbühl werden PFC entdeckt. In Kuppenheim werden drei von vier Tiefbrunnen stillgelegt.

Immer mehr Wasserversorger in der Region stellen Belastungen fest. 

PFC werden auf landwirtschaftlichen Flächen nachgewiesen. Wasser, Boden und Lebensmittel werden großflächig beprobt.
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Das Ministerium für ländlichen Raum und Verbraucherschutz legt Beurteilungswerte für PFC in Feldfrüchten fest und ordnet das Vorernte-Monitoring (VEM) an. Obst und Gemüse werden nun schon vor der Ernte auf PFC getestet.

Das Umweltministerium legt vorläufige Geringfügigkeits-Schwellenwerte für Grund- und Sickerwasser fest.
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Langsam werden die Ausmaße der Belastung klar. Die Verwendung von PFC-haltigem Beregnungswasser und der Anbau auf belasteten Äckern erweisen sich als problematisch. Laut Landratsamt sind die PFC-Werte einiger Feldfrüchte zu hoch, diese Ernte darf nicht verzehrt werden.

Es werden immer mehr belastete Flächen entdeckt. PFC gefährden das Trinkwasser einer ganzen Region, Gutachten werden in Auftrag gegeben.
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Das Regierungspräsidium Karlsruhe spricht Anbauempfehlungen aus: Mais zum Beispiel nehme wenige PFC auf, Weizen viele.

Wer sich nicht an die Empfehlungen hält, muss damit rechnen, dass seine Erzeugnisse nicht in den Verkauf gebracht werden dürfen.
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Die Staatsanwaltschaft stellt das Ermittlungsverfahren gegen Franz Vogel nach drei Jahren ein.

Die Gründe: Die fünfjährige Verjährungsfrist für Verstöße gegen die Düngemittelverordnung war bereits 2014 abgelaufen.
Für den Zeitraum vor 2006 konnte außerdem mangels Unterlagen nicht mehr nachvollzogen werden, wie viel und welches Material Vogel auf die Äcker hat bringen lassen. 
Eine strafrechtliche Verantwortlichkeit konnte deswegen nicht mehr sicher festgestellt werden.
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Mitglieder der Bürgerinitiative "Sauberes Trinkwasser für Kuppenheim" (BSTK) erstatten Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft. Blutuntersuchungen der Bürgerinitiative hatten erhöhte PFOA-Werte im Blut der Teilnehmer gezeigt.

Sozialminister Manne Lucha ordnet nun auch staatliche Blutuntersuchungen in der Region an.
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Das Verwaltungsgericht Karlsruhe weist Klagen der Kompostfirma Vogel gegen die Stadt Baden-Baden und das Landratsamt Rastatt ab.

Die Behörden hatten Franz Vogel zur Zahlung der Kosten für Boden- und Wasseruntersuchungen in Höhe von rund 242.000 Euro herangezogen.
Das Verwaltungsgericht hat keinen Zweifel daran, dass Vogel zurecht als hinreichend verdächtiger Verursacher angesehen wird. Er muss daher zahlen.

Vogel stellt Antrag auf Zulassung zur Berufung.
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Bei einer PFC-Infoveranstaltung wird das
Grundwassermodell vorgestellt, das von der Landesanstalt für Umwelt (LUBW) erarbeitet wurde.

Es prognostiziert die Verteilung von PFC in den verschiedenen Wasserschichten und lässt erahnen, dass die PFC-"Fahne" über Jahre hinweg langsam Richtung Norden fließen wird.
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Die Anzeigen von acht Mitgliedern der Bürgerinitiative "Sauberes Trinkwasser für Kuppenheim" sind zurückgewiesen worden, die Beschwerde gegen die Einstellung der Ermittlungen ebenfalls.

Deswegen entscheidet sich die Bürgerinitiative dazu, einen Antrag auf Klage-Erzwingung beim Oberlandesgericht Karlsruhe einzureichen. Auch dieser Antrag wird einige Monate später abgelehnt.

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Die Gemeinde Hügelsheim verklagt den Komposthändler Vogel auf Schadensersatz wegen der mit PFC belasteten Flächen.
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Gesundheitsminister Manne Lucha gibt die Ergebnisse der Blutuntersuchungen bekannt: PFC im Trinkwasser führen zu PFC im Blut.

Ergebnisse eines Forschungsprojektes zeigen, dass der Großteil der organischen Fluorverbindungen noch im Oberboden vorliegt.
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Die Europäische Lebensmittelsicherheitsbehörde (EFSA) bewertet die gesundheitlichen Risiken durch PFOS und PFOA in Lebensmitteln neu und leitet niedrigere tolerierbare Aufnahmemengen ab.

Die bisherigen Kosten im PFC-Skandal klettern auf mehr als siebeneinhalb Millionen Euro. Davon entfallen fast zwei Millionen Euro auf die betroffenen Kommunen, der Rest auf das Land.
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Der Verwaltungsgerichtshof Baden-Württemberg lehnt Franz Vogels Anträge auf Zulassung der Berufung ab.

Der Gerichtshof bestätigt den "hinreichend gestützten Verdacht eines erheblichen Verursachungsbeitrags" und Vogels "verbotswidriges Handeln" durch das "Inverkehrbringen von Papierschlämmen zur Düngung von Ackerflächen".
(VGH Baden-Würrttemberg 2019, Az 10 S 2788/17)

Franz Vogel muss mehr als 240.000 Euro für Wasser- und Bodenuntersuchungen zahlen.
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Die Rastatter Stadtwerke reichen eine Zivilklage gegen den Komposthändler ein.

Wie Stadtwerke-Chef Olaf Kaspryk im Gespräch mit den Badischen Neuesten Nachrichten erklärt, beläuft sich der Schaden derzeit auf 6,5 Millionen Euro.
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... wurden in Mittelbaden 1742 Hektar untersucht, davon sind 877 Hektar Ackerfläche mit PFC und den diversen Vorläufermolekülen belastet.

Alle Wasserversorger der Region außer Bühl sind von PFC betroffen und mussten Gegenmaßnahmen zur Wasserreinigung ergreifen.

Der mutmaßliche Verursacher Franz Vogel kann strafrechtlich nicht mehr belangt werden. Es laufen aber zivil- und verwaltungsrechtliche Verfahren.

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Wie der Skandal an die Öffentlichkeit kam

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Patricia Klatt ist Diplom-Biologin und freie Journalistin. Sie hat in Freiburg, Münster und Straßburg studiert und den PFC-Skandal seit seiner Aufdeckung 2013 medial begleitet.

Klatt schreibt für die BNN, die FAZ und andere Medien über PFC und sonstige Umweltthemen. Die Hintergründe der PFC-Problematik hat sie teilweise in monatelanger Arbeit mit aufgeklärt. Unterstützt wurde sie dabei auch vom Journalistenverein "Netzwerk Recherche" und der Olin gGmbH.

Klatt saß in Gerichtsverhandlungen gegen den mutmaßlichen Verursacher und nimmt regelmäßig an Infoveranstaltungen, Workshops und Fachsymposien teil. Im BNN-Interview erzählt sie von ihrer jahrelangen Arbeit.
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Kein lokales Problem: PFC sind überall

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Eine wirkliche Lösung des PFC-Problems ist noch nicht in Sicht. Die Hilflosigkeit ist aber immerhin einigen Ansätzen gewichen, mit denen sich die Folgen eindämmen lassen könnten.

So versuchen die Behörden beispielsweise, den Schutz der Verbraucher sicherzustellen. Jahrelang wurde untersucht, welche Nutzpflanzen wie viel PFC aufnehmen. Die Folge sind ständig aktualisierte Anbauempfehlungen und Bewirtschaftungskonzepte für die einzelnen Höfe.

Zudem sind verschiedene Forschungsprojekte angelaufen: Weil es nicht möglich ist, die verseuchten Flächen zu sanieren, untersucht die Uni Stuttgart gemeinsam mit den regionalen Behörden die Möglichkeit, die PFC im Boden dauerhaft zu binden.

Auch das Verhalten der PFC im Boden und ihren Weg ins Sicker- und Grundwasser studieren Wissenschaftler anhand des Falles in Mittelbaden. Das Gebiet ist zu einer Modellregion in Sachen PFC geworden, Boden und Trinkwasser werden in zahlreichen deutschen Forschungsprojekten untersucht.

Was weiterhin fehlt, sind verbindliche bundesweite oder europäische Grenzwerte und Handlungsempfehlungen.
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Der PFC-Skandal in Mittelbaden ist nur einer von vielen. "Wir werden das Zeug künftig wahrscheinlich überall finden, wo wir suchen", glaubt ein ehemaliger Mitarbeiter des Umweltbundesamtes, der anonym bleiben möchte.

In Deutschland kennt man PFC-Belastungen zum Beispiel auch im bayerischen Altötting, wo Umwelt und Trinkwasser durch eine Chemiefabrik verunreinigt wurden.

Einen ähnlichen Fall wie in Mittelbaden gibt es im Raum Mannheim, wo ebenfalls mit Papierschlämmen verunreinigter Kompost als Ursache gilt. In der Region um den Möhnesee in Nordrhein-Westfalen sind Böden und Gewässer belastet, weil illegaler, mit Industrieabfällen versetzter Biodünger ausgebracht worden war.

Rund um Zivil- und Bundeswehrflughäfen und amerikanische Stützpunkte gibt es ebenfalls deutschlandweit Belastungen. Und an vielen Orten, wo die Feuerwehr in der Vergangenheit Löschschäume versprüht hat. 




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Jörg Frauenstein vom Umweltbundesamt sagte im Mai 2019 bei einem PFC-Workshop in Bühl: „Es gibt bis heute Bundesländer, die durch aktives Weggucken das Problem komplett ignorieren."

In vielen anderen Erdteilen sieht es ähnlich aus. Man kennt PFC-Belastungen aus den Niederlanden, Italien, Japan, Australien, China oder Amerika, die Chemikalien schwimmen im Yangtze und im Colorado River ebenso wie in abgeschiedenen Bergbächen.

In Amerika ist das Trinkwasser von rund 16 Millionen Menschen PFC-belastet, die Chemikalien finden sich im Blut von 98 Prozent der Amerikaner.

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Würden alle bislang bekannten PFC-Gebiete allein im Europäischen Wirtschaftsraum behandelt, lägen die Kosten dafür nach aktuellen Schätzungen zwischen 17 und 171 Milliarden Euro.

Die Wissenschaft ist auf der Suche nach neuen Wegen im Umgang mit einer ganzen Chemikaliengruppe, deren Umweltrelevanz vom Bundesumweltministerium mit der des Dioxin-Problems verglichen wird.

Von den Dioxinen sind allerdings nur 75 verschiedene Verbindungen bekannt. Die Gruppe der PFC umfasst hingegen mehr als 5000 Verbindungen, die von der Fluorindustrie nach wie vor mit völlig unzureichender Deklaration in die Umwelt emittiert werden und die sich in allen Ökosystemen anreichern.
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Wissenschaftler fordern deshalb ein generelles Umdenken im Umgang mit den PFC und schlagen für eine Regulierung eine Einteilung in drei Kategorien vor: In der Kategorie eins wären nicht notwendige Anwendungen wie in Kosmetika. Ein Verbot oder eine Beschränkung von PFC könnte hier problemlos vorbereitet werden.

In die zweite Kategorie fallen die PFC, die wichtige Funktionen erfüllen, dabei jedoch als nicht wesentlich eingestuft werden, weil es funktionale Alternativen gibt. Beispiele hierfür sind Feuerlöschschäume oder wasserabweisende Textilien.

In die dritte Kategorie gehören die PFC, die bislang unersetzlich sind wie zum Beispiel bei Schutzkleidung oder medizinischen Anwendungen. Die Wissenschaft gibt also den Weg für eine Regulierung von PFC vor, den die Politik aber noch umsetzen muss.
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PFC-Expertin Patricia Klatt zur Frage, ob PFC aus den Böden entfernt werden kann

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Im Landwirtschaftlichen Technologiezentrum (LTZ) am Karlsruher Augustenberg untersuchen Wissenschaftler seit Jahren, wie sich PFC in Böden und Gewächsen verhalten.

Zeitweise gab es die Hoffnung, man könnte die Chemikalien mit speziellen Pflanzen wie etwa der Durchwachsenden Silphie aus dem Boden ziehen.

"Das funktioniert leider nicht", sagt Jörn Breuer vom LTZ. Einige Varianten der PFC blieben immer im Boden. Außerdem wüsste man bei dieser Art der Bodensanierung nicht, wie man die dann stark PFC-haltigen Pflanzen entsorgen sollte.



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Die badische Band Cube Orange hat einen Song über die PFC-Problematik geschrieben. Er beschreibt die Ohnmacht, die in Baden nicht nur viele Betroffene, sondern auch Behörden und Politiker zu spüren scheinen.

"Rastatt, es ist in deinem Blut, du hast nur Wut in dir, Rastatt. Es ist ein Verbrechen, doch mangels Beweisen kannst du drauf scheißen. In deinem Blut ist PFC.

Fabriken kotzen Schlamm auf unser geliebtes Badnerland. Bauern, Schreibtischtäter, Brunnenvergifter und Vaterlandsverräter.

Wenn die letzten Bienen gestorben und der letzte Honig verdorben, werdet ihr feststellen, dass ihr Geld nicht essen könnt."

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Impressum

Badische Neueste Nachrichten Badendruck GmbH
Linkenheimer Landstraße 133
76149 Karlsruhe
Telefon: 0721/ 789-8000

Mail: online@bnn.de


Recherche, Texte, Fotos und Videos:

Patricia Klatt, Markus Pöhlking, Julia Weller

Videoschnitt und Bildbearbeitung:
Christian Bodamer, Tanja Mori Monteiro


Mit Material von dpa, Imago Images, Google Earth, Cube Orange, LUBW, Adobe Stock, Landratsamt Rastatt und aus dem BNN-Archiv


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